Der "Achberger Kreis" in den Grünen

Die folgene Dokumentation ist zum 30. Jahrestag der Gründung der Grünen im Januar 2010 entstanden und zuerst auf der ››› Webseite von Wilfried Heidt erschienen. Wir stellen sie jetzt auch hier zur Verfügung, als ein Baustein der Dokumentation der Achberger Arbeit. – Diese Zusammenstellung war, als sie vor drei Jahren entstanden ist, auch der Versuch, die Geschichtsklitterung, die in den verschiedenen öffentlichen Darstellungen zum Jahrestag wahrzunehmen war, zu ergänzen und zu korrigeren.

Außerhalb der Archive findet man heute beim Bündnis 90/Die Grünen kaum noch einen Niederschlag des Ideenzusammenhangs eines "dritten Weges", wie er von der hier sichtbargemachten Strömung innerhalb der Partei vertretenen wurde. Nur noch der schillernde Name Joseph Beuys taucht gelegentlich auf; was er als "Programm" vertrat, ist – soweit man erkennen kann – nicht mehr präsent. Auch scheint kein Bewusstsein mehr vorhanden zu sein über jenes für eine Partei neuen Typs zukunftsweisende Konzept der "Einheit in der Vielfalt",  ohne die der Gründungsprozess möglicherweise zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. Neben dem, dass man in der ››› Satzung der baden-württemberischen Grünen auch noch nach 33 Jahren – zur "Erinnerung an die Wurzeln", wie man da liest – die unveränderte historische Präambel von 1980 wiederfindet, die dem Kundigen die Handschrift des "ökologischen Humanismus" verrät, wie er damals durch Achberg im Spiel war, gibt es nur einen inhaltlichen Punkt, der noch gelegentlich aufblitzt: die "dreistufige Volksgesetzgebung". Diese Idee zur zeitgemäßen Ausgestaltung der direkten Demokratie ist jetzt vor 30 Jahren auszuarbeiten begonnen worden und hat in unterschiedlicher Weise nicht nur Eingang bei den Grünen und anderen Parteien gefunden, sondern auch in verschiedene Landesverfassungen. Allerdings ist auch das nicht nachhaltig im Bewusstsein der Akteure verankert, wie in den letzten drei Jahren gerade das Umgehen der jetzt in Baden-Württemberg regierenden Grünen mit dieser "historischen Forderung" belegt.

Es soll dies alles nicht als Kritik oder gar Anklage gesagt sein, sondern als Beschreibung von Tatsachen, die zeigen, wie die Aufgabe, aus der Ideenwelt, die zukunftsfähigen Auswege aus den sozialen Krisen zu finden, noch nicht stark genug ergriffen ist.

Gerhard Schuster, 5./6. Februar 2013


Zum 30. Gründungstag der Partei DIE GRÜNEN am 13. Januar 1980 Karlsruhe, Stadthalle

Aus diesem Anlass, der dann ab 1983 das Parteiensystem in der Bundesrepublik Deutschland nachhaltig verändert hat, werden wieder Legenden über Legenden zu dieser Entwicklung verbreitet - ähnlich, wie dies das ganze Jahr 2009 über mit zahlreichen Rückblicken auf die Ereignisse des Jahres 1989 der Fall war.

Dies betrifft auch die Rolle, welche aus der Arbeit des Internationalen Kulturzentrums Achberg (synonym innerhalb der Grünen ab 1979: "Achberger Kreis") dafür geleistet wurde, diese Alternative zu den etablierten Parteien auf Bundesebene zu gründen.

An dieser Stelle ist es nicht möglich, die komplexe Entstehungsgeschichte dieses Prozesses, der seine ersten Wurzeln in der zweiten Hälfte des Jahres 1968 (››› Projekt "Demokratische Union" im Kontext "Prager Frühling") hatte, darzustellen.

Anstatt über subjektive, für den Außenstehenden ohnehin nicht verifizierbare Erlebnisse zu berichten, beschränken wir uns darauf, einige wesentliche Dokumente aus der Gründungsgeschichte der GRÜNEN zusammenzustellen, die ansonsten wahrscheinlich von keiner Seite, die sich jetzt mit Erinnerungen zu Wort meldet, Erwähnung finden werden.

Dieses objektive Material ist jedoch in mehreren Hinsichten umso aufschlussreicher, als es erkennen lässt, welche innovativen Ideen mit diesem Projekt ins Spiel kamen, was davon zunächst umgesetzt werden konnte und wohin der Weg schließlich führte bzw. was aus den entsprechenden Veranlagungen sich nicht durchsetzen konnte aber auch nach 30 Jahren nicht weniger zu den Forderungen der Gegenwart und nächsten Zukunft gehört als zur Gründungszeit und deshalb mit verschiedenen außerparlamentarischen zivilgesellschaftlichen ››› Aktivitäten auch weitergeführt wurde und wird.

Achberger Dokumente aus den Anfangsjahren

1. Zum Auftakt: Der "Achberger Appell ...", August 1978

Mit dem "Achberger Appell zur Wiederherstellung der Einheit der ökologischen Bewegung" vom 6. August 1978 wird an jenes Dokument erinnert, das den Anstoß gab, um die bei Wahlen sich konkurrierenden und damit zur Erfolglosigkeit verurteilenden und ideologisch zersplitterten "grünen" Parteien, die sich seit 1977 zu formieren begonnen hatten, durch die Methode der "Einheit in der Vielfalt" im strategischen politischen Handeln in einer gemeinsamen Organisation zu assoziieren. Über den Schritt einer entsprechenden Vereinigung von zunächst fünf Organisationen (Aktion unabhängiger Deutscher/AUD, Grüne Aktion Zukunft/GAZ, Grüne Liste Umweltschutz/GLU, Grünen Liste Schleswig-Holstein/GLSH, Achberger Kreis/Aktion dritter Weg und Free International University/FIU) zur Sonstigen Politischen Vereinigung Die Grünen (am 17./18. März in Frankfurt-Sindlingen gegründet aus dem Anlass der ersten Wahlen zum Parlament der Europäischen Union im 10. Juni 1979) führte der Weg zum 13. Januar 1980 (im März 1983 gelang zum ersten Mal der Sprung in den Deutschen Bundestag).Titelblatt - Achberger Appell

 

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2. Die programmatische Grundidee I, Dezember 1978

Voraus gegangen war der "Aufruf zur Alternative". Er erschien am 23. Dezember 1978 in der Weihnachtsausgabe der Tageszeitung Frankfurter Rundschau. Dieser Text war hervorgegangen aus der Mitarbeit von Joseph Beuys im Achberger Institut für Sozialforschung und Zeitgeschichte seit Anfang der siebziger Jahre. Das Institut war in jenen Jahren, wie oben bereits erwähnt, an der Erörterung der Fragen um die Bildung einer politischen Alternative zum etablierten Parteiensystem beteiligt und arbeitete - unter Mitwirkung einiger Dutzend Wissenschaftler und Künstler - daran, jenseits der traditionellen Denkschulen an den Begriffen einer postkapitalistischen wie postkommunistischen Systemalternative (dritter Weg). Der "Aufruf" spiegelte den 1978 erreichten Erkenntnisstand unter besonderer Berücksichtigung der monetären sozialökologischen Zusammenhänge wider. Da die Entwicklungen im Rahmen der parteipolitisch ausgerichteten "grünen" Organisationen Ende 1978 noch nicht abgeschlossen waren, findet man in dieser Hinsicht am Schluss des "Aufrufs" für eine entsprechende Perspektive noch einen anderen Arbeitstitel (Union für die Neue Demokratie). Im übrigen aber kamen im "Aufruf" die Grundlinien für jene Systemalternative zur Sprache, die dann - in verschiedenen Versionen - der Beitrag des Achberger Kreises und der FIU zur programmatischen Entwicklung der Partei DIE GRÜNEN war (bis 1984).

Titelblatt - Aufruf zur Alternative

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3. Die programmatische Grundidee II, März 1980

Eine dieser Versionen war - im Aufnehmen des Fadens, den der "Aufruf" gelegt hatte - der Aufsatz "Die ökologische Krise als soziale Herausforderung".

Dieser Aufsatz wurde zuerst in dem 1980 erschienenen Buch "Die Grünen - Personen, Projekte, Programme", hrsg. von Hans-Werner Lüdke und Olaf Dinné, Stuttgart 1980, veröffentlicht. Er wurde weitergeführt in dem Buch "Abschied vom Wachstumswahn", 1980.

Er ist in der Gründungsphase der Ökologiebewegung als Partei entstanden. Diese Gründung war bei vielen der daran Beteiligten mit der Erwartung verknüpft, sie werde ihr Potential für eine grundlegende Systemalternative im Sinne einer ››› "Neuen sozialen Architektur" (s. S. 8 im pdf und aktuell auf www.ig-eurovision.net) in die Waagschale werfen. Leider wurde der in diese Richtung weisende Weg schon in den achtziger Jahren verlassen. Die systemtraditionellen Kräfte aller Schattierungen gewannen in der Partei die Oberhand und brachten sie allmählich - insbesondere nach der "Wende" 1989 - in das systemkonforme Fahrwasser, in dem sie heute segelt.

Titelblatt - Die ökologische Krise als soziale Herausforderung››› Text als PDF


4.
Der Grüne Kurs, Sommer 1980 Wahlplattform des "Achberger Kreises" zur Bundestagswahl 1980

Eine andere Version war zum Anlass der Bundestagswahl 1980 das Wahlprogramm des Achberger Kreises "Der grüne Kurs". - Diese programmatischen Positionen sind mit ihren Grundlinien aus unserer Sicht nach wie vor ultimativ ohne Alternative, will die Menschheit einen Ausweg finden aus der umfassenden Zivilisationskrise, in welche sie die seit dem 19. Jahrhundert herrschenden Denk- und Lebensweisen der längst globalisierten westlichen Welt geführt haben.

In dieser Wahlplattform informieren die Mitarbeiter und Kandidaten des Achberger Kreises, für welche Gesamtpolitik sie sich einsetzen. Der "Achberger Kreis" und die "Free International University" (FIU) als mitgründende Organisationen konnten beim Gründungsparteitag in Karlsruhe gegen den Widerstand kommunistischer Strömungen in den Statuten partiell das Prinzip "Einheit in der Vielfalt" durchsetzen. Das hatte in programmatischer Hinsicht die Konsequenz, dass es bei der ersten Beteiligung der neuen Partei an der Bundestagswahl zur Information der Wählerinnen und Wähler in Ergänzung des Mehrheitsprogramms auch die programmatischen Positionen der verschiedenen Strömungen gab, die in grundsätzlichen Systemfragen unterschiedliche Lösungsansätze vertraten. Bei den Ideen des Achberger Kreises und der FIU handelte es sich um den Ansatz einer Alternative des 3. Weges, für deren legislative Verwirklichung sich deren Kandidaten im Fall ihrer Wahl einsetzen wollten.

Titelblatt - Die Grünen - Achberger Kreis››› Text als PDF


5. Zur Basisdemokratie, Januar 1984 Der Ausgangspunkt des historischen Projektes "dreistufige Volksgesetzgebung"

Als die vorliegende Zusammenstellung abschließendes Dokument sei hier jener Text "Es ist an der Zeit: Mehr Demokratie durch Volksentscheid - Das Plebiszit als Forderung des Grundgesetzes" hinzugefügt, mit welchem im Januar 1984 im Zusammenhang mit unserer ersten an den Bundestag gerichteten Petition zur Regelung des Abstimmungsrechtes des Volkes (gem. GG Art. 20 Abs. 2) zu dem von der Partei DIE GRÜNEN in Bonn veranstalteter Kongress "Mündige Demokratie durch VOLKSENTSCHEID" eingeladen wurde. Dieses Dokument ist ein Teil des Anfanges, aus dem seither alles Weitere im Wirken für diesen Kernpunkt einer mit sich selbst verständigten Demokratie hervorgegangen ist (letzte Stufe der Entwicklung dieses Projektes www.volksgesetzgebung-jetzt.de)

In dem Projekt zur Gründung der Partei "Die Grünen" spielte die Idee der direkten Demokratie von Anfang an programmatisch eine wichtige Rolle, welcher freilich nicht von allen Strömungen der gleich hohe Rang wie vom "Achberger Kreis" und der "Free Internationale University" eingeräumt wurde. Speziell kommunistische Kräfte bei den Grünen kämpften dagegen. So erschien es uns in den Jahren 1982/83 notwendig geworden zu sein, für das Ziel der "dreistufigen Volksgesetzgebung" eine von den Grünen unabhängige, überparteiliche Bürgerinitiative zu gründen und um die Jahreswende 1983/84 als AKTION VOLKSENTSCHEID zu starten.

Aus der Vorbemerkung von Lukas Beckmann: "Die Bundesdelegiertenversammlung der GRÜNEN vom 18. bis 20. November 1983 faßte den Beschluß, zum Thema "Volksentscheid / Bundesabstimmungsgesetz" einen bundesweiten Kongreß durchzuführen. Hiermit greifen DIE GRÜNEN die Initiative der AKTION VOLKSENTSCHEID auf, die seit Anfang letzten Jahres zur Ergänzung der parlamentarischen Entscheidungsprozesse einen Entwurf für die Gesetzgebung auf dem Weg der direkten Demokratie entwickelt hat und diesen Anfang November 1983 als Petition dem Deutschen Bundestag vorgelegt hat. Damit ist dem Parlament eine ganz wesentliche Gesetzgebungsaufgabe gestellt, die als allgemeine Forderung ein Kernpunkt grüner Programmatik von Anfang an war."

Kongress - Mündige Demokratie

Flugblatt zu Kongress und Podiumsdiskussion

Kongress - Mündige Demokratie

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5.1 Zwei Diskussionsbeiträge zu aktuellen Fragen, Dezember 1979 und Dezember 1980

››› Zum Problem der Doppelmitgliedschaft - Ein Versuch der Klärung (pdf)

››› Einige Vorschläge zur Weiterentwicklung der Grünen Partei (pdf)


6. Anhang –
Grundlinien der GRÜNEN ALTERNATIVE

Im Zusammenhang mit den Recherchen zur vorliegenden Dokumentation 30 Jahre »Die Grünen« - Achberger Dokumente aus den Anfangsjahren konnte mit Hilfe des Archivs der Heinrich Böll Stiftung ››› Grünes Gedächtnis ein Dokument wiedergefunden werden, das aus der Zusammenarbeit von Joseph Beuys (Free International University - FIU) und Wilfried Heidt (Aktion Dritter Weg - A3W) hervorgegangen war.

Sowohl die FIU als die A3W gehörten zu den Mitbegründern der Sonstige Politische Vereinigung "Die Grünen" (gegründet am 17. - 18. März 1979 Frankfurt-Sindlingen). Nachdem in einer früheren Ausgabe der von August Haußleiter herausgegebenen Wochenzeitung Die Unabhängigen Dr. Herbert Gruhl (GAZ), August Haußleiter (AUD) und Georg Otto (GLU) ihre Positionen dargestellt haben, konnte man in der Nr. 19 vom 12. Mai 1979 die Idee der »Grünen Alternative«, wie die beiden anderen Gründungsorganisationen sie sehen, kennenlernen:

Der Bürger muß mitbestimmen

Neue Grundlagen

Die Vorschläge der "Grünen Alternative"

Bei den Europawahlen am 10. Juni 1979 tritt unter dem Namen "Die Grünen" eine grüne Einheitsliste an. Die Zersplitterung der ökologischen Bewegung ist überwunden; die Grünen entwickeln sich in lebendiger Vielfalt, aber in der Auseinandersetzung mit den etablierten Atomparteien formieren sie sich in lebendiger Vielfalt zu wirkungsvoller politischer Einheit.

In unserer Ausgabe vom 28. April 1979 haben Dr. Herbert Gruhl, August Haußleiter und Georg Otto die Ziele der GAZ, der AUD und der GLU dargestellt. Im nachfolgenden Aufsatz stellen Joseph Beuys und Wilfried Heidt die Vorstellungen der "Freien Internationalen Universität" und des "3. Weges" dar, die ebenfalls "Die Grünen" unterstützen. Für diese alternative Gruppe kandidieren unter den ersten zehn Bewerbern der "Grünen" Joseph Beuys und Milan Horacek.

Wir geben Joseph Beuys und Wilfried Heidt das Wort: …

Die neuen Grundlagen

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››› Originaldokument als PDF

Wilfried Heidt, Gerhard Schuster
Achberg/Wien, 12./13. Januar 2010, ergänzt am 19. Januar 2010

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