Zur Konstitutionsfrage der AAG

Kommentierte Dokumentation von Forschungsergebnissen und Projektperspektiven aus der Arbeit Wilfried Heidts und der "Initiative an Alle" zum "Konstitutionsproblem der Allgemeinen Anthropsophischen Gesellschaft" (eine Auswahl)

Dokument - Nachrichtenblatt Nr. 46 vom 16. Februar 1997

Die nachfolgende Dokumentation stellt einige "Marksteine" aus einem Arbeitsprozess zusammen, der in einer letzten Etappe von der Mitte der 90er-Jahre bis zum Jahr 2005 reicht. Im Vordergrund stehen dabei – neben einigen anderen Dokumenten – die Forschungsergebnisse Wilfried Heidts. Ergebnisse, die von einem Kreis von Menschen – die sich als Arbeitsgruppe auf sachlichem Felde innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft  konstituierten – mitgetragen wurden. Diese "Initiative an Alle" (IAA) bemühte sich in diesen Jahren darum, zur Klärung des sog. "Konstitutionsproblems der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft" beizutragen und dieses Problem allen Mitgliedern in seiner Bedeutung für die Identität der Anthroposophischen Bewegung und ihre Handlungsfähigkeit in den Herausforderungen am Jahrhundertende nahe zu bringen.

Es geht dabei nicht vorrangig um von Juristen zu bearbeitende Angelegenheiten. Bei der Konstitution (Verfassung) einer Gemeinschaft geht es um rechtliche Gestaltfragen, die alle Mitglieder betreffen und angehen. – In den Worten Rudolf Steiners ging es darum, der "Anthroposophischen Gesellschaft eine Form zu geben, wie sie die anthroposophische Bewegung zu ihrer Pflege braucht" (in: "Was  in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht – Nachrichten für deren Mitglieder", Nr. 1 vom 13. Januar 1924). Dies war die Aufgabe zu Weihnachten 1923/24, wo am 28. Dezember nach mehrmaliger Lesung und Besprechung die neuen Statuten der Anthroposophischen Gesellschaft von ca. 700 anwesenden Mitgliedern beschlossen wurden. In dem darauffolgenden Jahr ging es nun darum, auch für die Einrichtungen am Zentrum in Dornach, gemeinsam mit der nun konstituierten Gesellschaft – also für den Gesamtorganismus der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft – eine "einheitliche Konstituierung herbeizuführen" (R. Steiner am 29. Juni 1924, GA 260a).

Diese wurde in der von Rudolf Steiner intendierten Weise nicht erreicht. Am 8. Februar 1925 wurden für einen Bereich des Gesamtorganismus – namentlich für den aus dem "Bauverein", zu dessen 4. außerordentlichen Generalversammlung man zusammengekommen war, hervorgegangenen Verein "Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft" – unsachgemäße Beschlüsse gefasst. Diese falschen Weichenstellungen konnten nicht mehr korrigiert werden, bevor Rudolf Steiner kurze Zeit später starb und hatten in Folge auch für den anderen Bereich – für den der am 28. Dezember 1923 gegründet Anthroposophischen Gesellschaft – durch Unverständinis darüber, was eigentlich vorging, fatale Auswirkungen. Die intendierte, richtig vollzogene "einheitliche Konstituierung", durch die die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft ein "Musterbeispiel" (Rudolf Steiner am 30. Januar 1924, GA 260a) hätte werden sollen, stand als Fundament für das Leben der anthroposophischen Bewegung nicht zur Verfügung. Dadurch war in Gefahr gebracht, was sich aus dieser Bewegung im Laufe des 20. Jahrhunders vorbereiten sollte für die Herausforderungen am Jahrhundertende (vgl. dazu auch die Vorträge Rudolf Steiners zum Karma der Anthroposophischen Bewegung, GA 237-240).

[Anmerkung: Es können in den Kommentierungen dieser Dokumentation die Einzelheiten der Vorgänge weder detailiert beschrieben noch belegt werden. Dies geschieht in den hier zusammengestellten Texten selbst.]

1996/97

Einladungen Sommertagung 1996

Nachdem Wilfried Heidt schon zehn Jahre zuvor an einem Arbeitsergebnis in dieser Sache mitgewirkt hatte (s.u.), kam es Mitte der 90er Jahre durch verschiedene Umstänge zu einem erneuten Aufgreifen der Dinge. Der Entschluss reifte, die Problematik noch einmal auf die Tagesordnung zu setzen.

So kam es 1996 zu einer ersten großen, vom Achberger Institut für Zeitgeschichte und Dreigliederungsentwicklung veranstalteten Tagung, die sozusagen den Auftakt der neuen Etappe bildete:

"Die Kraft der Anthroposophie" angesichts der geschichtlichen Herausforderungen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert vom 27. 7. - 3. 8. 1996 in Achberg

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Neben weiteren Treffen in Achberg wurde ein Jahr später abermals zu einer größeren Sommertagung eingeladen:

"Die Weltaufgabe der anthroposophischen Bewegung in den geistigen und sozialen Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und nächsten Zukunft" vom 11. - 17. August 1997

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Einladungen Sommertagung 1997In dieser Zeit war auch die Studie: "Muss die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft neu begründet werden?" in der Nr. 46 des Nachrichtenblattes "Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht" vom 16. Februar 1997 erschienen.

Durch diese Publikation und die in großer Zahl besuchten ersten Tagungen rückte die von verschiedener Seite schon seit Jahrzehnten bearbeitete Frage wieder in einen größeren Fokus und behielt über die nun folgenden Jahren die Aufmerksamkeit in der Mitgliedschaft und bei den Verantwortlichen am Goetheanum und in den Landesgesellschaften.

Zu Ostern 1997 wurde die genannte "Initiative an Alle" (IAA) gegründet. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle Mitglieder mit der zitierten Studie zu erreichen.

Das Heft "Wer ist die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft? - Initiativen zur Klärung ihrer Identität und Aufgaben an der Schwelle des 21. Jahrhunderts" sollte dem – ergänzt um einen Brief an die Mitglieder, einer Beschreibung von Ziel, Aufgaben und Bedingungen der Initiative an Alle und einer Erläuterung zum Begriff "Neubegründung" – dienen.

Wer ist die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft - Heft

››› Das Heft als pdf

››› Die Studie im Originallayout des Nachrichtenblattes – pdf

Im selben Jahr erschien noch ein zweiter Aufsatz von Wilfried Heidt im Nachrichtenblatt (Nr. 16 vom 13. Juli 1997), der implizit nicht das Konstitutionsproblem selbst betraf, wohl aber die Identität der Gesellschaft und ihr Karma am Jahrhundertende. Den Titel des Aufsatzes bildete ein Zitat Rudolf Steiners aus dem Geschehen der Weihnachtstagung 1923/24:

"Die Anthroposophische Gesellschaft will sein eine Erfüllung dessen, was die Zeichen der Zeit mit leuchtenden Lettern zu den Herzen der Menschen sprechen"

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1998

Wer ist die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft

Der neue "Anlauf", das Konstitutionsproblem zu bearbeiten und für seine Klärung zu wirken, brachte umfassende Korrespondenzen und weitergehende Auseinandersetzungen mit sich. Aus diesen Prozessen entstanden weitere Studien und auch Perspektiven für die "Neugestaltung des Ganzen". Diese Arbeit der ersten drei Jahre wurde in dem Buch "Wer ist die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft? - Studien zum Konstitutionsproblem - Darstellung - Klärung - Vorschlag zur Lösung, Achberg, Edition Medianum, 1998" zusammengefasst.

››› pdf (eBook als Arbeitsmaterial)

Im Vorwort beschrieben und im Anhang dokumentiert findet auch die vorangehende Etappe dieser Arbeit ihren Niederschlag, die 1986 zur Abfassung des Memorandums "Zur Lage der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft" führte. Die Autorenschaft lag bei einer "Forschungsgruppe" (Gerhard von Beckerath, Karl Buchleitner, Andreas Flörsheimer, Carlo Frigeri, Ursula Garncarz-Buchleitner, Wilfried Heidt, Hugo Lüders, Rudolf Saacke, Bettina Schön-Abeling und Frank Thomas Smith), deren Teilnehmer zum Teil weiterhin oder jetzt erneut wieder zum Thema publizierten.

Aus dem Buch sei hier noch besonders das Kapitel 6 hervorgehoben: "Die Aufgabe der Neugestaltung des Ganzen – Vom Nebeneinander zum Miteinander Ausblick auf an der Dreigliederungsidee orientierte Grundlinien für die Bildung eines Gesamtorganismus der vereinigten anthroposophischen Bewegung – Was wir nach der Lösung des Konstitutionsproblems tun können: Eine konkrete Vision"

››› pdf des Kapitel 6

1999

Konstitution 2000 in der IAA

1999 entstand ein ausgearbeiteter Statutenentwurf für den Gesamtorganismus der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Vorangegangen war dem im Mai 1997 die Ankündigung des Vorsitzenden des Vorstandes am Goetheanum, Manfred Schmidt-Brabant, dass der Vorstand das Ziel verfolge, bis zum Jahr 2000 der Gesellschaft eine "neue Verfassung" zu geben. In zwei Anläufen wurde versucht, dieses Ziel zu erreichen. Warum daraus nichts wurde, kann in dem Heft der Gruppe "Konstitution 2000" in der IAA nachgelesen werden.

››› pdf (in der Version 1999 mit einem Brief an die Mitglieder und  Begründungen zum Statutenentwurf)

Der Statuten-Entwurf wurden noch weiter überarbeitet. Die letzte Version stammt aus dem Jahr 2002

››› pdf (Überarbeitung 2002 mit Organigramm)

2000

Mit dem "Scheitern" des Vorstandvorhabens, eine neue Verfassung zu erarbeiten, ging auch die Initiative einher, zur Generalversammlung am 15./16. April 2000 einen Antrag (Nr. 11; publiziert im Nachrichtenblatt 10/2000 vom 5. März 2000) einzubringen, der aus der sogenannten "Frankfurter Erklärung" ››› pdf hervorgegangen ist. Dabei ist es gelungen, dass sechs der nun zum Thema arbeitender Autoren (Gerhard von Beckerath, Benediktus Hardorp, Wilfried Heidt, Bruno Martin, Günter Röschert, Justus Wittich) in dieser Sache gemeinsam agierten: Die Mitgliederversammlung sollte beschließen, die Antragsteller zu beauftragen, in Verständigung mit dem Vorstand eine Arbeitsgruppe in der Frage der Neugestaltung zu bilden.

Auf Bitte des Vorstandes wurde dieser Antrag in eine Initiative umgewandelt und es gelang nach einigem Ringen, dass alle Antragssteller dem zustimmten und gemeinsam mit dem Vorstand (Rolf Kerler, Paul Mackay, Manfred Schmidt-Brabant, Virginia Sease, Heinz Zimmermann) bei der Generalversammlung am 15. April die Gründung "Initiative zur Arbeit an einer neuen Verfassung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft" ››› pdf mitteilten.

2001

Nun wurde zusammen an einem Strang gezogen. Die Arbeitsgruppe wurde gebildet und die Arbeit aufgenommen. Ein erstes "Erreichnis" war das ein Jahr später mitgeteilte "Mannheimer Ergebnis".

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Es formulierte den Konsens darüber, worin das Konstitutionsproblem bestand und wie es entstanden ist. Darüber herrschte nun weitestgehende Einigkeit bei allen Beteiligten.

Als nächsten Schritt brachte Wilfried Heidt die Typusfrage, als für die Gruppe zu bearbeitendes Thema ein. Dazu seien hier zwei Dokumente angeführt:

"Zur Typusfrage bei der Konstitution des Gesamt-Organismus der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft"

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"Präliminarien zur typologischen Gestalt der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft"

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Hier war das Ziel die Klärung der typologischen Unterschiede zwischen den verschiedenen Bereichen des Gesamtorganismus der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft.

Was waren der Intention Rudolf Steiners nach die konstitutionellen Merkmale der Anthroposophischen Gesellschaft vom 28. Dezember 1923 im Unterschied zu denen des Vereins Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft, durch den Rudolf Steiner (aufgrund der Quellen zum 29. Juni und 3. August 1924) die Integration der institutionellen Zusammenhänge der anthroposophischen Bewegung am Zentrum bezweckte, um sie "nach außenhin" einheitlich vertreten zu können? Und was waren die konstitutionellen Merkmale des Vereins "Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft" vom 8. Februar 1925 (hervorgegangen durch Umbildung und Namensänderung des Vereins des Goetheanum)?

Die genaue Unterscheidung der verschiedenen Typen ist für die Frage der Identität einer Gesellschaft von immenser Bedeutung:

"Jeder soziale Organismus auf körperschaftlichem Niveau wird durch diese drei Grundelemente [Identität - Gesellschaft - Statut (Souverän/Vorstand)], zu denen weitere hinzutreten können, ins Leben geufen. Sie klären die Ordnung seines inneren Lebens und die Beziehung zur sozialen Umwelt. Für eine jede Sozialwissenschaft ist es unabdingbar zu gewahren, daß auf dieser Grundkonfiguration ganz verschiedene 'Typen' in Erscheinung treten. Die anthroposophische Sozialwissenschaft zeichnet sich dadurch aus, daß sie als zugleich ideell wie phänomenologisch ausgerichtete Wissenschaft begründen kann, warum es im einen Fall des einen (z. B. 'offenen'), im anderen des anderen (z. B. 'geschlossenen') Typus bedarf, um ein gesundes Leben des jeweiligen sozialen Organismus zu gewährleisten." (siehe: Wilfried Heidt "Wer ist die AAG", Achberg 1998, S. 188 ››› pdf)

Die Arbeit an den typologischen Fragen, die für die Ausarbeitung einer neuen Verfassung unabdingbar zu klären waren, wurde unterbrochen durch einen anderen Weg, den der Vorstand eingeschlagen hatte.

2002/2003 – Kurzer Exkurs zum jetzt eingeschlagenen "Vorstands-Weg"

In einer mit 23. März 2002 datierten Vorstandsmitteilung im Nachrichtenblatt (Nr. 17 vom 21. April 2002) wurde den Mitgliedern das weitere Vorgehen mitgeteilt. Das proklamierte Ziel war es, "eine gesunde konstitutionelle Grundlage für die weitere Entwicklung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft" zu schaffen.

Goetheanum - Foto G. SchusterDamit sollte "nicht ein für allemal die Konstitutionsfrage gelöst sein, sondern ein Prozess eingeleitet werden, der zu einer – auch in rechtlicher Hinsicht – einwandfreien und nachvollziehbaren Verfassungsgrundlage führen soll", heißt es in der Mitteilung.

Entgegen einem früheren Gutachten (von Prof. Dr. Hans Michael Riemer), das der Vorstand schon 2000 in Auftrag gegeben hatte und nach dem die zu Weihnachten 1923/24 neubegründete Anthroposophische Gesellschaft durch "konkludentes Verhalten" mit dem am 8. Februar 1925 zu "Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft" umbenannten ehemaligen "Bauverein" fusioniert habe, kam jetzt ein anderes – ebenfalls vom Vorstand beauftragtes – Gutachten zu anderen Schlüssen:

Prof. Dr. Andreas Furrer und Dr. Jürgen Erdmenger stellten ihr "Gutachten betreffend die Konstituierung der Anthroposophischen Gesellschaft" im April 2002 vor. Demnach waren noch beide Körperschaften existent, die zur Weihnachtstagung gegründete Gesellschaft – in dem Gutachten WTG genannt – sei nicht durch Fusion mit dem Verein AAG vom 8. Februar 1925 eins geworden und auch nicht durch Inaktivität untergegangen. Die Anthroposophische Gesellschaft (WTG) bestünde weiterhin als "selbständiger, eigenständiger Verein seit Weihnachten 1923". Es wurde zwar zu keiner Jahresversammlungen mehr eingeladen und auch der Vorstand wurde nicht nachbesetzt, sodass nach dem Tod des letzten Mitgliedes des Gründungsvorstandes (1963) in dem Gutachten angenommen wird, dass die Vorstandsfunktion von dem Vorstand der AAG in "Geschäftsführung ohne Auftrag" ausgeübt wurde.

Soweit der juristisch-gutachterliche Befund. Jetzt gelte es die WTG zu "reaktivieren", denn – so liest man – die "WTG ist aus spiritueller Sicht das wichtigste Organ der Anthroposophischen Gemeinschaft. Bis heute wollten die Mitglieder, die der AAG beigetreten sind, sich dem spirituellen Gehalt der WTG anschließen. Darüber hinaus bildet die WTG bis heute das Gefäß für die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft".

[Es sei hier nur kurz darauf eingegangen, dass in dem Furrer-Erdmenger-Gutachten alle typologisch-funktionalen Unterscheidungen zwischen der Anthroposophischen Gesellschaft (WTG) und der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft (AAG), wie sie die Konstitutionsforschung in jahrelanger Arbeit herausgearbeitet hat, ignoriert werden. Aus ihnen alleine aber lässt sich schlüssig klären, dass in Folge des 8. Februar 1925 keine Fusion stattgefunden haben kann! Ich komme weiter unten nocheinmal auf diesen Gesichtspunkt zurück.]

Mit der Reaktivierung, die für Weihnachten 2002 durch die Einladung zu einer Mitgliederversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft (WTG) angesetzt war, wären – so die Vorstellung – die (juristischen) Ungereimtheiten beseitigt. Zu Ostern 2003 sollten in der Generalversammlung des Vereins AAG und in einer weiteren Mitgliederversammlung der dann "Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft (Weihnachtstagung)" genannten Körperschaft die Vorraussetzungen für eine Fusion der beiden Körperschaften dahingehend geschaffen werden, dass die AAG durch Absorbtion in die sog. WTG aufgenommen hätte werden können.

Fortan sollte also der Gesamtorganismus auf der Grundlage der am 28. Dezember 1923 neubegründeten, jetzt in "Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft (Weihnachtstagung)" umbenannte Gesellschaft konstituiert sein. Dafür bestand aus der Sicht der hier dokumentierten Arbeit zwar nie ein triftiger Grund. Die "Einheitliche Konstituierung" des Gesamtorganismus konnte in zwei Körperschaften oder in einer stattfinden. In letzterem Fall kann sie juristisch so oder so umgesetzt werden, also auf dem Boden der Vereins AAG oder auf dem Boden der AG der Weihnachtstagung. Entscheidend ist die Unterscheidung der Funktionen der verschiedenen Bereiche und ihrer unterschiedlichen typologisch-rechtlichen Ausgestaltung (vor allem in Hinsicht auf die unterschiedlichen Souveränitätsverhälnisse in den verschiedenen Bereichen). Aber es war der Weg des Vorstandes ein möglicher Weg. Wichtig blieb, dass das Ziel der Neugestaltung selbst dabei nicht aus den Augen verloren würde:

In den zwei "Phasen" der Reaktivierung und Fusionierung sollte die Grundlage geschaffen werden für eine dritte Phase, deren Ziel auch das Ziel der 2000 gegründeten Arbeitsgruppe war: Die Arbeit an einer neuen Verfassung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft!

Nachdem der Schritt der Reaktivierung an Weihnachten stattgefunden hatte, konnten die weiteren Planungen zur Fusionierung nicht wie gedacht fortgesetzt werden, da – durch einige Kläger bewirkt – eine einstweilige Verfügung das weitere Vorgehen zunächst verzögerte und – wie es sich dann bestätigen sollte – zu verhindern drohte. Dennoch hielt man daran fest, zu Ostern die Generalversammlung des bestehenden Vereins AAG abzuhalten, die Mitgliederversammlung der AG/WTG konnte nicht stattfinden. Anstelle dessen wurde zur "Jahrestagung 2003" eingeladen.

Zwei Dokumente aus der Arbeit WHs seien zu diesen Vorgängen angeführt:

Orientierungshilfe1. Die Orientierungshilfe für die außerordentliche Mitgliederversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft am 28./29.12.2002: "Zu den Statutenänderungsvorschlägen des Vorstands"

Mit diesem Text, den Wilfried Heidt und Justus Wittich für die Mitgliederversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft an Weihnachten 2002 vorbereitet hatten, sollten die Mitglieder eine Hilfe in die Hand bekommen, das Geschehen besser und bezogen auf die Gesamtperspektive der Erneuerung verstehen zu können. Die Broschüre wurde bei der Versammlung am Goetheanum an die Teilnehmern verteilt.

››› pdf

 

 


Memorandum AAG2. Das Memorandum: Einblicke in den Konstitutionsprozess der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und ein Ausblick auf die Perspektive ihrer Neugestaltung

Diese kleine Schrift war vorbereitet worden, den zweiten – durch die einstweilige Verfügung nun behinderten – Schritt des eingeschlagenen Weges zu begleiten. Auch hier waren die Mitarbeiter der "Initiative an Alle" zu Ostern vor Ort präsent, um das Memorandum an die Mitglieder zu bringen. Das Memorandum hatte dabei vor allem das Ziel, im Einklang mit dem Vorstands-Weg einen Ausblick zu geben auf die Perspektive der Neugestaltung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft.

Dazu wurde noch eimal der historische Blick auf die Dokumente des Konstitutionsprozesses 1924/25 gerichtet, um den Lesern das Bild der ursprünglichen Intentionen Rudolf Steiners vor Augen zu führen. Die rechtlichen Fragen, die dann in den Gegebenheiten ab 1925 vorlagen wurden nicht nur als juristische sondern auch als typologische Rechtsfragen behandelt. Es ging dabei in dieser abermaligen historischen und rechtlichen Auseinandersetzung nicht darum, noch einmal in Auseinandersetzung zu treten mit den verschiedenen Auffassungen zu den Dingen, sondern es sollte das Unstrittige im Blick auf "heutiges Handeln" (Siehe S. 13, FN 4) zusammengefasst werden. Dieses Vorgehen sollte gleichsam eine Brücke des Konsens zwischen den verschiedenen Sichtweisen ermöglichen.

››› Das Memorandum als pdf

[Das Memorandum bringt auch konkrete Vorschläge auf den Tisch, die dem oben genannten Statutenentwürfen der Gruppe "Konstitution 2000" (››› pdf des Statutenentwurfes in der Fassung 2002) entsprechen.]

Von Anfang an wurde betont, dass es für die dargestellten Handlungsperspektiven nicht darauf ankommt, wie die juristische Auseinandersetzung ausgehen wird! Dass in den nun folgenden Gerichtsverhandlungen der Schritt der Reaktivierung der AG/WT und die Auffassung des Riemer-Gutachtens von 2000 bestätigt wurde, also festgestellt wurde, dass die zu Weihnachten 1923 begründete Anthroposophische Gesellschaft am 8. Februar 1925 zu existieren aufgehört habe und in den Verein der AAG hineinfusioniert worden wäre, tut der eigentlichen Aufgabe der konstitutionellen Neufassung des Gesammtorganismus Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft keinen Abbruch.

Freilich konnte diese richterliche Feststellung nur einen Rechtsstreit klären – der Erkenntniszusammenhang hingegen kann nur geklärt werden, wenn alle Tatsachen im Licht der Idee betrachtet werden. Aus ihnen kann eindeutig festgestellt werden, dass eine Fusion nicht stattgefunden haben kann. Dass die Gerichte zu diesem Urteil kamen, liegt daran, dass ihnen keine vollständigen Fakten vorlagen, aus denen sie die klar unterschiedliche Identität und Funktion der beiden Körperschaften hätte deutlich werden können.

2005

Zwei Jahre nach dem Ausgangspunkt des Rechtsstreits kam es – im März 2005 – zu den endgültigen Urteilen; der Vorstand hatte sich entschlossen, nicht weiter in Berufung zu gehen (››› pdf der Erklärung). Ich will darauf hier nicht weiter eingehen. Nur noch festhalten, wie die verschiedenen Befassungen mit den Urteilen, die Begründungen der Vorstandsentscheidung und die weitere Äußerungen ans Licht brachten, dass das eigentliche Konstitutions-Problem nach all den Jahren noch immer nicht verstanden war. Denn keineswegs wäre es durch die sog. "Reaktivierung" der AG/WT – wäre sie geglückt – schon gelöst, allenfalls größere Klarheit in Bezug auf die Ausgangslage erreicht worden. – Das Konstitutionsproblem ist entstanden durch die Beschlüsse am 8. Februar 1925, als der Verein Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft aus dem vormaligen "Bauverein" hervorgegangen war, dadurch, dass in den Lebensbereich dieser Körperschaft eine disfunktionale Souveränität (jene einer großen demokratischen Mitgliedschaft) Einzug gehalten hat. Darin liegt der Kern der Problematik, die dann auch auf den Lebensbereich der Anthroposophischen Gesellschaft – weil man ihn gar nicht mehr unterschied von dem Lebensbereich des AAG-Vereins – ihre Auswirkung hatte. Die Konzeption Rudolf Steiners ging dahin, einen funktional gegliederten Gesamtorganismus zu konstituieren, bei dem typologische Unterscheidungen für die verschiedenen Bereiche wesensgemäß zu gestalten sind. Dieser Weg wurde nicht verstanden und am 8. Februar 1925 verlassen. Das scheint bis heute nicht umfassend verstanden zu sein; die Forschungsergebnisse dazu werden ignoriert.

Dieser unerfreuliche Befund schlägt sich auch nieder in den zwei letzten Texten, die Wilfried Heidt in dieser Sache verfasst hat:

Wollen wir das Schicksal der Anthroposophischen Gesellschaft schweizerischen Gerichten überlassen? Ein Aufruf, den Erkenntnis- und Umgestaltungsprozess jetzt nicht abzubrechen.

››› pdf

Die konkludente Kon-Fusion der AAG. Wem geht’s hier um »Rechthaberei«? Doch hoffentlich allen darum, die Wahrheit zu erkennen und aus Erkenntnis zu handeln!

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Nachbemerkung:

Das Ziel einer wesensgemäßen Verfassung für den Gesamtorganismus der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft ist bisher nicht erreicht! Das genannte Memorandum und der angegebene Statuten-Entwurf wären dafür auch heute noch (2012ff) eine gute Ausgangslage für einen Konsens in der Frage der Neugestaltung. Es berücksichtigt alle unstrittigen Sichtweisen auf die Dokumentenlage des Konstitutionsgeschehens von 1923-25 und bringt Vorschläge zu einer Weiterentwicklung aller Lebensbereiche des Gesamtorganismus im Sinne der von Rudolf Steiner intentierten "einheitlichen Konstituierung" ins Spiel.

Bereits am 23. Oktober 2003 wurde dafür ein Anfang gemacht. Paul Mackay, Bodo von Plato, Justus Wittich hatten gemeinsam mit Wilfried Heidt, als dem Verfasser des Memorandums, zu einer ersten Auseinandersetzung mit dem Text eingeladen, zu der sich 13 Teilnehmer in Stuttgart zusammenfanden. Diese Arbeit - an der WH aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen konnte - wurde nicht fortgesetzt. Als Teilnehmer habe ich damals einen Bericht über dieses Treffen verfasst.

››› pdf

Sollte es zu einem "gemeinsamen Wollen" dahingehend kommen, die Initiative zur Arbeit an einer neuen Verfassung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft wieder aufzunehmen, sind die Ausgangspunkte für die Befassung gesetzt. Sie müssen nur noch ergriffen werden! 

Gerhard Schuster, Wien im Oktober 2012

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Verantwortlich für die Zusammenstellung der
Dokumente und Kommentierung der Vorgänge:
Gerhard Schuster (gerhard.schuster@wiege.at)

Ich bitte um Hinweise für etwaige Korrekturen
von Fehlern, die sich möglicherweise in der Be-
schreibung der komplexen Vorgängen einge-
schlichen haben mögen.

 

 

 

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